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3:Im Moment alle am Meer

Ein ganz normaler Moment am Meer. Ich lasse aus meiner Faust einen feinen Sandstrahl um eine Ameise herum niederrieseln: Sie strampelt und kommt nicht voran und ich überlege, ob sie das in der unüberwindbaren Wüste überhaupt merkt. Ich wende mich ab und konzentriere mich auf die sich brechenden Wellen vor mir. Das ist naheliegend am Strand und seine Wirkung entfaltet das ewig Gleiche natürlich auch zuverlässig. Überhaupt: Wellen und Sand und Wind und Geruch und Geschmack sorgen immer verlässlich für Sinnesreize und Emotionen. Das ist mir zu mechanisch, denke ich, so will ich nie funktionieren, nehme ich mir vor. Es ist falsch, hier ins Schwärmen zu geraten – es ist einfach zu einfach. Ja, es ist natürlich schön hier, so schön, der Sand ist warm, die Weite ist beeindruckend, der Rhythmus der Wellen wirkt beruhigend und ihre endlose Kraft gleichzeitig ehrfurchteinlösend. Aber das alles ist nicht mein Ding, es ist einfach nicht mein Lebensgefühl. Ich finde es eher ein bisschen stressig hier: Zu viele Menschen, die zu wenig an haben, außerdem ist es zu sonnig und zu heiß und zu windig. Und die Gleichförmigkeit und Ereignislosigkeit stressen mich auch. Ich will etwas machen, ich will hier weg. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein, denn ich bleibe einfach sitzen.

Ein Typ, Alter ist schwer zu erkennen, er sitzt im Sand, guckt aufs Meer und grübelt. So in etwa seht Ihr das hier doch, oder? Aber diese Perspektive interessiert mich so nicht, mich interessieren die Möglichkeiten des Moments. Daher möchte ich raus aus Euren Köpfen. Aber dafür brauche ich Hilfe. Hilfe von anderen Menschen. Und die kommen jetzt.

Ich sitze tatsächlich hier im Sand. Aber ich bin ein Mädchen, oder eine Jugendliche, wenn Ihr das Wort denn mögt, ich bin letzte Woche vierzehn geworden. Wirklich! Meine langen Haare wehen mir ins Gesicht, meine Beine stecken bis zur hochgekrempelten Jeans im Sand, meine neuen roten Sneakers stehen neben mir, ein kleiner Käfer krabbelt darüber. Ich schaue mich um: Meine Mutter sitzt im Bikini in dem Strandkorb, wischt an ihrem Smartphone rum und sieht gelangweilt aus. Eigentlich hat sie den Urlaub mit mir nur vorgeschlagen, um Urlaub vor mir zu haben. Geh in den Pool, hol Dir ein Eis, leg Dich an den Strand – aber lass mich bloß in Ruhe. Von mir aus, ich hab auch keinen Bock auf sie. Aber ich brauche jemand anders. Dringend. Sonst ist der ganze Moment nichts wert.

Nun verändert sich etwas. Es sind meine Beine. Die Haut wird dünn und faltig und fleckig, Adern treten hervor. Es ziept und zwickt, gleichzeitig spüre ich immer weniger. Und es sind nicht nur meine Beine, alles verändert sich, alles an mir und in mir und auch alles um mich herum. Ich finde es jetzt nicht mehr schön hier. Ich finde es traurig. Ich bin 89 und wohne sehr weit weg vom Meer – vielleicht bin ich jetzt zum allerletzten Mal hier. Jedenfalls sitze ich mit Sicherheit zum letzten Mal so im Sand. Ich bin vorhin eh schon mehr gefallen, als dass ich mich gesetzt habe und ich mache mir die ganze Zeit Sorgen, nicht ohne Hilfe fremder Menschen aufstehen zu können. Und dann die Wellen mit ihrem ewigen Rhythmus. Sie drängen einem die ganze Schönheit und Vergänglichkeit und auch die ganze Sinnlosigkeit des Moments auf. Die Endlichkeit beschäftigt Menschen in meinem Alter eh schon genug, ich will nachhause in meinen Sessel vor meinen Fernseher. Und ich darf das noch nicht einmal wollen, ich muss hier sein wollen, denn natürlich ist der Moment schön und mehr als diese Momente haben wir ja alle nicht.

Jetzt wird plötzlich alles von einem grellen Rot überlagert, ich sehe nichts, ich sehe gar nichts, ich konnte auch noch nie etwas sehen, dafür wird der Wind und das Rauschen lauter und die Bilder verschieben sich in meinen Kopf. Sand, Wasser und Himmel: Das alles ist jetzt in meinem Kopf. Und ich finde das gut: Ich bin ausgefüllt, bin ganz ruhig und entspannt. Aber dann verschwindet das alles aus mir. Ich sehe jetzt wieder Sand, Wasser und Himmel, dafür verändert sich das Rauschen, es wird dumpfer, nein, es wird abgetrennt, wird zu einer Idee, einer Ahnung. Und auch die Worte verschwinden, meine Worte verschwinden, sie werden Gesten und zu Farben und formlosen Konturen. Ich sehe die Menschen am Strand, die schönen Menschen und ich habe keinen Begriff für ihre offensichtlich Ablehnung unserer Gruppe gegenüber.

Nun bin ich ein Stück weiter hinten, an der Promenade. Meine Hände sind dunkelbraun und sie tragen eine große Holzschatulle mit Sonnenbrillen, die ich jedem zeige, obwohl sie niemand sehen will. An die Ablehnung habe ich mich längst gewöhnt, die kenne ich seit vielen Jahren. Und auch das Gefühl, immer überall völlig falsch zu sein, kenne ich nur allzu gut. Schönheit und Überfluss und existenzielle Not und Verzweiflung: Das ist in jedem Moment gleichzeitig da, ist meine Erfahrung.

Und dann sitze ich mit roter Shorts und weißem Shirt auf dem DLRG-Turm, der Wind heult und ich überblicke das alles: Den Typen im Sand, das junge Dame, die der alten Damen aufhilft, die Gruppe aus dem Diakonie-Bus, den Strandjungen mit den Sonnenbrillen. Ich gähne: Ein ganz normaler Moment am Meer eben.

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2:Matthias

Der Moment ist nicht wahrnehmbar. Viel schlimmer: Kein Moment ist wahrnehmbar, nichts dringt mehr durch. Das ist einfach kein Zustand. Und doch es ist der Zustand, in dem ich nun seit anderthalb Jahren lebe. Leben bedeutet hier: schlafen, essen, sich beschäftigen und vor allem beschäftig werden, atmen, nicht auf dumme Gedanken kommen, dann wieder schlafen. Den Rhythmus einhalten. Ein bisschen nachdenken gehört natürlich auch dazu, man soll ja sein Leben reflektieren und ändern; Aber das Hier & Jetzt wahrnehmen, das soll man nicht.

Der Stuhl steht seitlich zum Tisch, sodass ich in den Raum schauen kann: die weiße Wand der Nasszelle, der gelbe Spint, die braune Decke auf dem weißen Bett, der weiße Tisch, die weißen Wände runterherum. Und die hellrote Tür hinten. Insgesamt ist alles zwar einfach, aber ziemlich neu, extrem sauber und durchaus nicht hässlich. Vielleicht könnte man es sogar als freundlich bezeichnen. Aber es ist nicht freundlich. Es ist gefühllos. Man kann es noch nicht einmal hassen. Lediglich den Blick aus dem Fenster könnte ich hassen, wenn ich mich bemühen würde; Der Stuhl steht meistens seitlich, sodass ich das Fenster im Rücken habe und nicht rausschauen muss. Außerdem habe ich fast immer den dunkelgrauen Vorhang zugezogen. Zusehen ist da draußen eh nichts: Die Welt besteht aus einer Betonwand und einem viel viel zu schmalen Streifen Himmel. Am schlimmsten sind die Gitter; sie tun noch nicht einmal freundlich, so wie die hellrote Tür; Die Gitter richten sich offen feindselig gegen mich.

Ich lehne meinen Kopf an das kühle Plastik des Fernsehers, der an seinem Metallarm neben dem Tisch hängt. In den ersten Wochen mochte ich das Gerät nicht. Ich wollte das Angebot nicht annehmen, das es mir so offensiv entgegenstreckt. Aber natürlich geht es nicht ohne. Internet gibt es ja nicht in den Zimmern – es gibt kein Entkommen.

Es gibt nur die Nasszelle, den Spint, das Bett, den Tisch, die weißen Wände und die hellrote Tür. Die sechs Quadratmeter, auf denen ich seit 19 Monaten und 13 Tagen wohne. Und die inzwischen so gewohnt sind, dass ich sie einfach nicht mehr wahrnehmen kann. Jeden Zentimeter hier kenne ich, ich brauche gar nicht mehr hinschauen. Auch die Geräusche kenne ich alle. Die Endgültigkeit der zuschlagenden Türen, die um Überlegenheit bemühten Schritte der Beamten, das höhnische Quietschen der Stationswagen: Das alles gibt es gar nicht, das gibt es nur in meinem Kopf. Das Gewohntsein hat die Wahrnehmung vollständig ersetzt.

Jetzt klacken der Reihe nach die Lampen auf den Gängen, der Tag ist vorbei. Nach dem Tag kommt hier direkt die Nacht, Abende gibt es nicht. Bestenfalls das körperliche Herunterfahren vor dem Fernseher. Dabei sind Abende die wichtigste Zeit. Früher war es meistens abends, wenn ich die Momente wahrnehmen konnte. Es sind in der Regel die Abende, die richtig frei sind – daher sind sie hier natürlich verboten. Ich habe lange überlegt, ob ich trotzdem irgendwie zumindest ab und zu mal einen wirklich freien Abend stibitzen kann. Ein Musikinstrument hätte vielleicht dabei helfen können. Dann hätte ich den Moment hören können. Aber mit 60 lernt man kein Musikinstrument, nicht richtig jedenfalls.

Es hilft nichts, die Momente sind hier nicht wahrnehmbar. Und ohne die Momente hat die Zeit keinen Halt. Sie rutscht einfach durch, man merkt es kaum. Und man findet das sogar gut, man möchte ja, dass die Zeit hier schnell vorbei geht.

Durchdringen können am ehesten noch die gelegentlichen Gespräche mit den anderen hier, die ja alle das gleiche Problem haben. Wir haben eine Sprache entwickelt, die die Monotonie durchbrechen kann. Mit Gewalt natürlich, es ist eine sehr rohe und sehr direkte Sprache mit viel Aggression. Und Exzessen. Mit viel Intensität. Intensität ist es nämlich, die fehlt, die permanent fehlt. Man braucht ein Mindestmaß an Intensität, sonst kann man die Momente nicht wahrnehmen.

Dabei ging es mir immer nur um die Momente. Den meisten anderen Menschen geht es auch darum, mehr als die Momente haben wir ja alle nicht. Aber vielen ist das nicht bewusst. Mir war es schon immer klar und mir war auch immer klar, wie ich an die Momente rankomme. Das ist harte Arbeit, aber Heroin nimmt man ja auch nicht zum Spaß. Mit Heroin wirst Du eins mit dem Moment. Ansatzweise geht das auch mit allen anderen Drogen; Man muss nur die richtige Dosierung finden. Zuallererst betäuben Drogen nämlich das Gewohntsein des Lebens. Und dann erscheint der Raum um Dich herum, dann erscheint das Hier & Jetzt. Danach betäuben die Drogen alles andere, dann ist der Moment tot, dann beginnt der Missbrauch. Das habe ich nie gemacht. Okay, hab ich schon, aber darum ging es mir nie. Das hat den Richter natürlich nicht interessiert. Er hat mir die Momente verboten. Gleich alle Momente auf einmal, zwei volle Jahre lang. Wahrnehmungsverbot, das ist die Strafe. Wahrscheinlich geht das nicht anders: Denn Momente sind auch gefährlich, es sind immer die Momente, die einen in Versuchung bringen.

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1:Sarah

Hier & jetzt: Ich sitze in einer Kneipe mit meinem Bier am Laptop und schreibe. „Was soll das“, könnten Sie mir jetzt entgegnen – wenn Sie hier denn etwas entgegnen könnten. „Das ist doch gegen die Regeln. Es geht doch um Momente, die es niemals gab – und Sie sitzen ja wirklich jetzt da rum mit Ihrem Bier!“ Aber damit würden Sie auf der falschen Ebene argumentieren. Stimmt, der Autor dieses Blogs sitzt jetzt gerade mit seinem Bier (es ist übrigens noch das erste) in einer Kneipe am Laptop und schreibt. Aber das bin ja nicht ich. Ich bin ja ganz anders und ich bin auch ganz woanders, nicht im Liar, nicht in Berlin und noch nicht einmal in Deutschland.

Also noch einmal von vorne.

Hier & jetzt: Ich heiße Sarah und sitze mit einem Cappuccino in einem Café am Hafen von Palermo und schreibe. Doch keine Kneipe also. So ist das mit dem Hier & jetzt: Man muss Zufall und Spontanität zulassen und ist immer ein gutes Stück weit ausgeliefert. Meinen Laptop habe ich nicht dabei, stattdessen liegt ein in dunkelrotes Leder eingeschlagenes Notizbuch vor mir auf dem Tischlein. So ein gutes Buch mit dickem Papier, dem man sich anvertraut. Wenn man allein in einer gastronomischen Einrichtung sitzt, dann braucht man ja etwas zu tun. Und ein Notizbuch ist da besser geeignet als ein Laptop. Allein schon wegen des Winkels: Man schaut kultiviert in sich versunken nach unten und nicht ergonomisch korrekt offen in den Raum – und setzt man sich damit auch nicht der Gefahr eines Blickkontakts aus. Denn die Gefahr besteht, wenn man eine Frau Mitte Zwanzig ist, mindestes passabel aussieht und allein in einem Café sitzt. Besonders in Italien und sogar noch mehr besonders auf Sizilien, wo die Männer sich noch als Cavaliere wahrnehmen.

Unauffälliger wäre es natürlich, mein Smartphone zu zücken und so zu tun, als ob ich mit meinen Freundinnen chatten würde. Aber es geht hier halt um den Moment, das wissen Sie ja. Der Moment hier & jetzt soll eingefangen werden, da kann ich mich ja schlecht mit Menschen ganz woanders beschäftigen.

Um einen Moment einzufangen, muss man ihn zunächst erleben, sonst existiert er nicht. Nein, der Moment existiert sonst wirklich nicht – auch wenn er noch so oft fotografiert, gepostet, geteilt und geliked wird. Der Moment muss von einem Menschen erlebt werden, erst dann kann er festgehalten werden. Er muss durch die Sinnesorgane in den Kopf gelangen und dort bewusst wahrgenommen werden. Wenn er lediglich durch die Kamera in eine Speichereinheit gelangt und von dort in die Welt gepostet wird, ist er gefaked.

Okay, vielleicht wollen Sie so langsam ein bisschen mehr Hintergrund. Also: Dass ich Sarah heiße, wissen Sie schon. Ich komme aus Deutschland – ja, das habe ich zufällig mit dem Autor gemeinsam. Ich bin mit einem Erasmus-Stipendium nach Palermo gekommen. Das ist schon mehr als ein Jahr her inzwischen, das Stipendium ist seit Monaten abgelaufen. Aber ich bin einfach dageblieben. Bin hier in meiner Studenten-WG geblieben, die international und einfach cool ist. Aber eine coole WG hatte ich auch in Deutschland. Ausschlaggebend war: Es ist einfach besser hier. Es gibt überall Berge, überall Meer, überall Landschaft. Es ist warm, sogar im Winter. Und es ist einfach schön hier. Das klingt jetzt oberflächlich, aber Schönheit zu würdigen erscheint mir überhaupt nicht oberflächlich. Nur wegen Job und Lebensstandard in Deutschland auf diese Schönheit zu verzichten, das erscheint mir oberflächlich.

Und jetzt erzähle ich Ihnen mal ein bisschen mehr, wie es hier in dem Café so aussieht: Schrägt gegenüber löffelt eine Französische Familie Eisbecher und hinten an der Tür nippen zwei ältere Italiener an ihrem Bier. Sonst ist das kleine Café leer, die Kellnerin wischt gelangweilt an ihrem Smartphone rum. Die Tische stehen draußen an der Straße, genaugenommen sogar auf der Straße: Ein paar kleine Palmen in Blumenkästen wollen verbergen, dass das hier eigentlich zwei Parkbuchten sind. Direkt vor dem Café liegt der Fischerhafen und das Meer – abgetrennt allerdings von einer recht stark befahrenen Straße. Autos sind hier so gut wie überall ein Problem, mehr noch als in Deutschland. Man darf sich nicht drauf konzentrieren, man muss sich auf die Schönheit konzentrieren – und das ist hier halt viel einfacher als in Deutschland.

Nun wissen Sie schon so einiges über den Moment und auch über mich. Wie es bei mir weitergeht, könnten Sie mich noch fragen. Jetzt, ohne das Stipendium. Das wäre tatsächlich eine gute Frage. Aber sie würde uns wegführen von diesem Moment. Und das wäre wirklich schade, der Moment ist nämlich sehr schön, das müssen Sie mir glauben. Und schöne Momente zu erleben ist ja schon das Beste, was so drin ist im Leben. Die Sonne geht bald unter. Leider nicht über dem Meer, Palermo liegt im Norden von Sizilien. Aber das macht eigentlich auch nichts: Der Himmel ist orangerosarot und das Meer auch und die Berge hinter der Stadt sind blaugrün und werden immer blaugrüner. Der Sonnenuntergang ist hier jeden Tag ein Ereignis, man braucht ihn bloß zu beachtet. Und der Sonnenuntergang in Deutschland? Sehen Sie: Deswegen bin ich hiergeblieben. Trotz aller Probleme – von denen ich Ihnen jetzt nicht erzähle. Nicht vom fehlenden Geld, von der tobenden Familie, vom in den Sand gesetzten Studium. Die Entscheidung, hier zu bleiben, war alles andere als eine rationale Entscheidung. Sie war eine rein ästhetische Entscheidung.

Können Sie das verstehen? Haben Sie so eine Entscheidung auch schon ein einmal getroffen? Eine ästhetische Entscheidung von der Tragweite? Der Autor dieses Blogs auch nicht – ich schätze, deswegen gibt es diesen Blog und damit auch mich. Er traut sich sowas nicht, möchte sich Momente wie diesen hier aber trotzdem nicht entgehen lassen. Er möchte die Momente erleben – und sie dann posten und teilen. Mit Ihnen teilen. Stellen Sie sich den Moment als Instagram-Post vor: Junge Frau im Café am Meer in Italien bei Sonnenuntergang. Das Bild ist vielleicht ein Handy-Schnappschuss durch ein Fenster eines klimatisierten Reisebusses, es steckt also kein Erleben dahinter. Ist meine Schilderung da nicht viel intensiver und intimer? Obwohl es weder mich noch den Moment jemals gegeben hat? Was meinen Sie?

Wie steht es überhaupt so mit Ihnen? Als der Moment, den es nie gab, entstanden ist, waren Sie ein Leser, den es ebenfalls nicht gab. Oder eine Leserin. Vielleicht sogar eher eine Leserin. Eine fiktive Person im Kopf des Autors jedenfalls, genau wie ich eine fiktive Person in seinem Kopf bin. Aber nun gibt es Sie ja wirklich und Sie lesen wirklich und Sie sind mittendrin, Sie sind jetzt bei mir. Wie geht es Ihnen damit? Freuen Sie sich ein wenig, dass Sie hier sein können? Diesen leuchtenden Himmel sehen, das Meer riechen, die Möwen hören, die seichten Windböen spüren? Und Sie könnten sich vielleicht auch freuen, dass Sie in meinem schönen, in dunkelrotes Leder eingeschlagenes Notizbuch verewigt sind. Vielleicht lesen eines Tages meine Enkelkinder von Ihnen. Weiter als bis zu den Enkeln scheinen es ja weder Erinnerungsstücke noch Erinnerungen zu schaffen.

Oder trete ich Ihnen hiermit zu nahe? Möchten Sie lieber inkognito bleiben und über mich lesen und mir damit zu nahetreten? Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Sie als Leser sind immer fester Teil der Konstellation. Wir sind hier zu dritt: Sie und ich und der Autor. Und Dreierkonstellation sind nun einmal komplizierte. Der Autor ist inzwischen mit seinem dritten Bier fertig und möchte bald nach Hause. Er war übrigens gar nicht im Liar, da war es zu voll und er war auch nicht in Berlin, sondern im Gleis6 in Potsdam. Auch das war also ein kurzer Moment, den es gar nicht gab. Jedenfalls werden wir drei nun gleich vorerst voneinander getrennt. Aber der Blog ist ja hiermit gerade frisch an den Start gegangen, vielleicht begegnen wir uns also wieder. Dann erzähle ich Ihnen mehr von mir, von Palermo, von der WG und vielleicht sogar, wie es bei mir nun weitergeht. Vielleicht geht es hier aber künftig um ganz andere Momente und es wird niemals wieder irgendjemand etwas von mir hören. Wer weiß schon, was kommt – mehr als den Moment haben wir alle nicht!

Sonnige Grüße aus Sizilien

Sarah