2. Matthias

Der Moment ist nicht wahrnehmbar. Viel schlimmer: Kein Moment ist wahrnehmbar, nichts dringt mehr durch. Das ist einfach kein Zustand. Und doch es ist der Zustand, in dem ich nun seit anderthalb Jahren lebe. Leben bedeutet hier: schlafen, essen, sich beschäftigen und vor allem beschäftig werden, atmen, nicht auf dumme Gedanken kommen, dann wieder schlafen. Den Rhythmus einhalten. Ein bisschen nachdenken gehört natürlich auch dazu, man soll ja sein Leben reflektieren und ändern; Aber das Hier & Jetzt wahrnehmen, das soll man nicht.

Der Stuhl steht seitlich zum Tisch, sodass ich in den Raum schauen kann: die weiße Wand der Nasszelle, der gelbe Spint, die braune Decke auf dem weißen Bett, der weiße Tisch, die weißen Wände runterherum. Und die hellrote Tür hinten. Insgesamt ist alles zwar einfach, aber ziemlich neu, extrem sauber und durchaus nicht hässlich. Vielleicht könnte man es sogar als freundlich bezeichnen. Aber es ist nicht freundlich. Es ist gefühllos. Man kann es noch nicht einmal hassen. Lediglich den Blick aus dem Fenster könnte ich hassen, wenn ich mich bemühen würde; Der Stuhl steht meistens seitlich, sodass ich das Fenster im Rücken habe und nicht rausschauen muss. Außerdem habe ich fast immer den dunkelgrauen Vorhang zugezogen. Zusehen ist da draußen eh nichts: Die Welt besteht aus einer Betonwand und einem viel viel zu schmalen Streifen Himmel. Am schlimmsten sind die Gitter; sie tun noch nicht einmal freundlich, so wie die hellrote Tür; Die Gitter richten sich offen feindselig gegen mich.

Ich lehne meinen Kopf an das kühle Plastik des Fernsehers, der an seinem Metallarm neben dem Tisch hängt. In den ersten Wochen mochte ich das Gerät nicht. Ich wollte das Angebot nicht annehmen, das es mir so offensiv entgegenstreckt. Aber natürlich geht es nicht ohne. Internet gibt es ja nicht in den Zimmern – es gibt kein Entkommen.

Es gibt nur die Nasszelle, den Spint, das Bett, den Tisch, die weißen Wände und die hellrote Tür. Die sechs Quadratmeter, auf denen ich seit 19 Monaten und 13 Tagen wohne. Und die inzwischen so gewohnt sind, dass ich sie einfach nicht mehr wahrnehmen kann. Jeden Zentimeter hier kenne ich, ich brauche gar nicht mehr hinschauen. Auch die Geräusche kenne ich alle. Die Endgültigkeit der zuschlagenden Türen, die um Überlegenheit bemühten Schritte der Beamten, das höhnische Quietschen der Stationswagen: Das alles gibt es gar nicht, das gibt es nur in meinem Kopf. Das Gewohntsein hat die Wahrnehmung vollständig ersetzt.

Jetzt klacken der Reihe nach die Lampen auf den Gängen, der Tag ist vorbei. Nach dem Tag kommt hier direkt die Nacht, Abende gibt es nicht. Bestenfalls das körperliche Herunterfahren vor dem Fernseher. Dabei sind Abende die wichtigste Zeit. Früher war es meistens abends, wenn ich die Momente wahrnehmen konnte. Es sind in der Regel die Abende, die richtig frei sind – daher sind sie hier natürlich verboten. Ich habe lange überlegt, ob ich trotzdem irgendwie zumindest ab und zu mal einen wirklich freien Abend stibitzen kann. Ein Musikinstrument hätte vielleicht dabei helfen können. Dann hätte ich den Moment hören können. Aber mit 60 lernt man kein Musikinstrument, nicht richtig jedenfalls.

Es hilft nichts, die Momente sind hier nicht wahrnehmbar. Und ohne die Momente hat die Zeit keinen Halt. Sie rutscht einfach durch, man merkt es kaum. Und man findet das sogar gut, man möchte ja, dass die Zeit hier schnell vorbei geht.

Durchdringen können am ehesten noch die gelegentlichen Gespräche mit den anderen hier, die ja alle das gleiche Problem haben. Wir haben eine Sprache entwickelt, die die Monotonie durchbrechen kann. Mit Gewalt natürlich, es ist eine sehr rohe und sehr direkte Sprache mit viel Aggression. Und Exzessen. Mit viel Intensität. Intensität ist es nämlich, die fehlt, die permanent fehlt. Man braucht ein Mindestmaß an Intensität, sonst kann man die Momente nicht wahrnehmen.

Dabei ging es mir immer nur um die Momente. Den meisten anderen Menschen geht es auch darum, mehr als die Momente haben wir ja alle nicht. Aber vielen ist das nicht bewusst. Mir war es schon immer klar und mir war auch immer klar, wie ich an die Momente rankomme. Das ist harte Arbeit, aber Heroin nimmt man ja auch nicht zum Spaß. Mit Heroin wirst Du eins mit dem Moment. Ansatzweise geht das auch mit allen anderen Drogen; Man muss nur die richtige Dosierung finden. Zuallererst betäuben Drogen nämlich das Gewohntsein des Lebens. Und dann erscheint der Raum um Dich herum, dann erscheint das Hier & Jetzt. Danach betäuben die Drogen alles andere, dann ist der Moment tot, dann beginnt der Missbrauch. Das habe ich nie gemacht. Okay, hab ich schon, aber darum ging es mir nie. Das hat den Richter natürlich nicht interessiert. Er hat mir die Momente verboten. Gleich alle Momente auf einmal, zwei volle Jahre lang. Wahrnehmungsverbot, das ist die Strafe. Wahrscheinlich geht das nicht anders: Denn Momente sind auch gefährlich, es sind immer die Momente, die einen in Versuchung bringen.

xxx

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