4. Im Junkerhaus

Plötzlich bin ich allein. Die Corona-bedingt winzige Besuchergruppe hat den kleinen Salon verlassen, ohne dass ich es bemerkt habe. Ich höre das Knarren alter Holzstufen und will gerade loslaufen, um mich wieder meinem Vater und der Gruppe anzuschließen – aber dann bleibe ich einfach stehen. Ich schaue mich um: Alles wirkt nun ein wenig anders. Die vielen Schnitzereien und Ornamente sind jetzt nur für mich da. Kleine Holzgesichter, die mich ansehen. Anfangs dachte ich, ich wäre meinem Vater zuliebe hierhergekommen; Mein Vater, der mir mal wieder beweisen wollte, dass seine Arbeit nicht nur Handwerk, sondern auch Kunst sein kann. Aber inzwischen denke ich, dass es hier eigentlich um mich geht.

Mein Blick bleibt an einem rot leuchtenden Holzgesicht hängen, das mich vom Ende eines Balkens angrinst: Die Schnitzereien enttäuschen, wenn man genau hinsieht; sie machen erst Sinn, wenn man den ganzen Raum und vor allem das ganze alte Haus vor Augen hat. Alles am Junkerhaus ist geschnitzt, verziert, bemalt, alles ist gestaltet und zwar „bis tief in den Wahnsinn hinein“. Insbesondere diese Formulierung war es, die mich neugierig gemacht hat, als ein Bekannter sie neulich beim Bier gewählt hatte. Bis tief in den Wahnsinn hinein: Das ließ etwas Konsequentes erwarten, keine halben Sachen. Und die erschlagende Fülle an Schnitzereien im ganzen Gebäude und in jedem Möbelstück bestätigen die Erwartung. Man darf halt nur nicht zu genau hinsehen, denn dann sieht man die recht grobe Ausführung der Schnitzereien und Malereien. Das kleine rote Gesicht wirkt wie die vielen weiteren Details fast plump, wie gewollt und nicht gekonnt. Alles nicht sonderlich beeindruckend jedenfalls. Aber vielleicht liege ich mit der Wertung falsch, vielleicht hatte Karl Junker das so gewollt und vielleicht ist das alles auch genau richtig so. Die Schnitzereien erinnern mich an einen Gedanken, der mir vor ein paar Jahren im Urlaub auf einer griechischen Insel kam: Die antiken Tempel sehen im Vergleich etwa zu gotischen Kathedralen auch nicht sonderlich beeindruckend aus; Aber das wollten sie auch nie. Sie wollen so aussehen, als ob sie genau so aussehen müssen. Sie sind gestaltet, um statisch und ästhetisch und auch in jeder anderen Hinsicht schlüssig zu wirken. Und genauso wirken diese Holzschnitzereien schlüssig – so, wie Holzschnitzereien halt wirken. Nicht sonderlich filigran, man denkt hier nie: Oh, sowas kann man also tatsächlich aus Holz hinkriegen. Sie sehen einfach aus wie Holzschnitzereien. Und vielleicht fasziniert gerade das meinen Vater, der als Tischlermeister noch mal einen ganz anderen Bezug zu Holzschnitzereien hat als ich. Dass seine Tochter zur Uni geht und ihr Leben lieber in sauberen Büroräumen verbringen möchte, als mit den eigenen Händen etwas aus Holz zu gestalten – darüber wird mein Vater wahrscheinlich nie hinwegkommen.

Plötzlich geht das Licht aus. Die Gruppe ist inzwischen nicht mehr zu hören; Nichts ist mehr zu hören. Aber dunkel ist es auch nicht in dem Salon, durch die verzierten Rahmen der vielen Fenster leuchtet noch genug orangefarbenes Abendlicht hinein. Kurz mache ich den Fehler, durch das Fenster neben mir hinaus auf die langweiligen Einfamilienhäuser des langweiligen Vororts der Kleinstadt zu schauen. Hier drin ist es besser als da draußen, das ist offensichtlich. Dies ist die Traumwelt von Karl Junker, der bereits seit rund hundert Jahren tot ist, aber der einem hier, in seinem Haus, trotzdem nahe erscheint. Eine fast intime Nähe, ein intimer Moment auf jeden Fall. Und die Intensität des Augenblicks wird durch das Kribbeln des unerlaubten Aufenthalts ohne die Gruppe noch erhöht. Alles erscheint geradezu feierlich real. Ich atme tief durch: Es ist gut, hier & jetzt zu sein, in diesem Raum, in diesem Haus. Es ist ein guter Moment – und mehr als diese Momente haben wir ja alle nicht. Kurz überlege ich, was Karl Junker von diesem Moment gehalten hätte: Eine junge Frau, die in einer ganz anderen Zeit so weit in das persönliche Lebenswerk vordringt. Er würde sich freuen, bin ich mir sofort sicher. Kurz sehe ich ihn mir durch seinen langen Bart hindurch zulächeln.

Der Gedanke ist unheimlich, ich schütte ihn schnell ab und auch gleich noch das Wort „Geisterhaus“. Es ist einfach wahnsinnig viel Persönlichkeit erhalten hier; Alles ein bisschen too much für meinen Geschmack. Wie es wohl war, hier zu leben und permanent so intensiv mit sich selbst konfrontiert zu sein? In den aus Holz geschnitzten Wirrungen des eigenen Gefühlslebens wohnen – will man das? Man braucht ja eigentlich immer ein Mindestmaß an Abstand, auch zu sich selbst. Gerade zu sich selbst. Sonst nagelt man sich fest und kann sich nicht verändern. Nein, eigentlich kann es Karl Junker hier nicht gefallen haben. Jedenfalls nicht die ganzen zwanzig Jahre lang, die er hier drin verbracht haben soll. Und angeblich ist er hier ja auch verrückt geworden und oben, in der Dachkammer, einsam gestorben. Ich schaue auf die verzierte Treppe nach oben. Nicht nur seine Persönlichkeit, auch seine Einsamkeit scheint sich erhalten zu haben in dem alten Holz. „Das Denkmal eines unglücklich Liebenden“, stand jahrzehntelang auf einem Schild vor dem Haus, hatte die Museumsleiterin zu Beginn der Führung erzählt. Ich mache einen knarrenden Schritt auf ein geschnitztes Schränkchen zu: In der Mitte ist ein kleines gemaltes Bild in eine Holztür eingearbeitet. Zu sehen ist eine Frau mit Kind, die am Fenster lehnt und hinausblickt. Draußen vor dem Fenster steht ein Mann mit Bart und Hut und großen dunklen Augen – offensichtlich Karl Junker.

Auf der Plastiktafel neben dem Schränkchen ist erläutert, dass Junker sich angeblich während seiner Tischlerausbildung in „des Meisters Töchterlein“ verliebt hatte und dann bis zu seinem Tod hier in seinem Haus auf sie gewartet hat. Und vielleicht wartet das Haus noch immer. Schon wieder ein unheimlicher Gedanke: Ja, es geht hier um mich, das ist jetzt ganz klar. Ich betrachte die junge Frau auf dem alten Bild: Nicht nur, dass wir beide Töchter von Tischlermeistern sind; Das ist ja kein Zufall, das ist fast schon banal. Wichtiger ist, dass wir beide fiktive Personen sind, sie auf einem kleinen Bild, ich in einer kleinen Geschichte. Wir beide sind festgehalten in einer kurzen Szene – in einem kurzen Moment, den es niemals gab. Und genau wie der Autor seine Geschichten bestenfalls sporadisch liest, wollte Karl Junker sicherlich nicht permanent von seinen eigenen Werken umgeben sein. Werke sind Kommunikationsformen, sie sind für andere Menschen gemacht. Für die realen Besucherinnen und Besucher des Junker-Hauses in Lemgo – und für Sie, die Leserinnen und Leser dieses Blogs, die sich hiermit gegrüßt fühlen mögen.

xxx

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