5. Versteinerter Moment

Er ist weiß, fast unnatürlich weiß. Das war er jedenfalls in dem Moment vor einem Jahr, als ich ihn gefunden habe. Inzwischen ist er etwas grau geworden. Wahrscheinlich hatte ich ihn mal zusammen mit einem Schlüssel in der Hosentasche. Sehr glatt ist er jedenfalls nach wie vor, ein Stein aus dem Meer. Ich lege ihn auf meinen Laptop direkt unter den Screen, ich will ihn im Blick behalten, er soll mir beim Schreiben helfen.
Aber wie soll das gehen? Vielleicht erst einmal weiter beschreiben: Der Stein ist recht klein, hat eine gute Größe, um ihn in die Hand zu nehmen. Um ihn durch die Finger gleiten zu lassen und ihn zu ertasten, ihn zu spüren. Deswegen habe ich ihn auch: Um ihn wahrzunehmen. Es ist ein Verbindungsstück. Eine Verbindung zu einem Moment vor ganz genau einem Jahr.

Ich gehe am Strand entlang. Ein recht kräftiger Wind weht mir durch die Haare und gleicht die noch immer sehr warme Abendsonne aus, es ist sehr angenehm. Alles ist sehr angenehm. So, wie man es am liebsten für immer haben möchte. Ich gehe langsam zurück zu den anderen durch das knöcheltiefe Wasser, das immer wieder kribbelnd an dem Sand unter meinen Füßen zieht. Wichtig in diesem Moment: Es ist der letzte Tag des Urlaubs. An letzten Tagen kann man nichts mehr aufschieben, alles muss hier & jetzt erlebt werden, daher sind letzte Tage meist intensiv. Wind, Sonne und das Wasser. Immer wieder hebe ich kleine Hölzer, Steine und Muscheln auf, ich will so viel wie möglich spüren. Und dann sehe ich den kleinen weißen Stein.

Ich sehe das alles noch genau vor mir. Aber ich traue den Bildern nicht. Allein schon, weil der kleine weiße Stein mich bereits ein ganzes Jahr lang begleitet und an diesen Moment erinnert. So viel Erinnern ist zu viel für einen Moment, er muss sich zwangsläufig verändert haben. Genau das gibt mir aber die Berechtigung, in diesem Blog darüber zu schreiben: Ein verfälschter Moment ist ein Moment, den es niemals gab. Nirgends & nie.

Ich nehme den Stein wieder in die Hand und bin überrascht, wie kalt er ist. Die Heizung wärmt mich von links, der Stein lag aber rechts von mir auf dem Schreibtisch – wahrscheinlich kommt er mir deswegen so kalt vor. Ich schaue mich um: Schreibtisch, Raum und Situation – alles wie immer. Kurz überlege ich, das alles zu beschreiben, lasse es dann aber. Es ist einfach alles wie immer. Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Unterschiede zwischen dem Moment hier & jetzt und dem Moment vor genau einem Jahr: Da war nichts wie immer.

Damit ich einen Moment wahrnehmen kann, müssen einige Bedingungen erfüllt sein, überlege ich. Wichtig ist zunächst einmal, dass ich allein bin, bei mir selbst. Hilfreich ist, wenn ich in der Öffentlichkeit allein bin, wenn also Menschen um mich herum sind. Am besten, sie sind einfach da, nehmen mich aber nicht in Anspruch und lenken mich aber nicht ab. Überhaupt: Ein freier Kopf und eine ablenkungsfreie Umgebung sind wichtig. Autoverkehr beispielsweise würde den Moment sofort ersticken. Ganz ohne Sinneseindrücke geht es aber auch nicht. In einem Gebäude sitzen würde nicht funktionieren, Spaziergänge oder auch Fahrten sind hingegen ideal. Und – aber da bin ich mir nun gar nicht mehr so sich: Die Situation darf wahrscheinlich nicht alltäglich, nicht gewohnt sein. Oder doch? Was, wenn ich am Meer leben würde und oft so in der Abendsonne am Strand spazieren gehen würde? Das stelle ich mir meist vor, in den Momenten: Dass ich dort leben und immer so wahrnehmen könnte. Würde die Wahrnehmung dann überhaupt noch vergleichbar funktionieren?

Ich nehme den Stein wieder in die Hand. Er gehört hier nicht her, das ist klar. Zwar wirkt seine Oberfläche so makellos glatt wie die der anderen Gegenstände in der Wohnung; Aber er gehört in das Meer, in das klare Salzwasser der Wellen, in den Sand, in die warme Abendsonne, das ist offensichtlich. Plötzlich will ich den Stein nicht mehr sehen, will mich von ihm nicht länger festlegen lassen auf den Moment vor einem Jahr. Ich lege ihn hinter mich auf meine Tasche. Hatte ich wirklich vor einem Jahr gedacht, dass das funktioniert würde? Dass ich den Moment einfach aufheben und mitnehmen könnte? Ein Moment to go? Ein Souvenir, ein Erinnerungsstück, so banal wie ein Kühlschrankmagnet, ein bemalter Teller, ein bedrucktes Shirt und der ganze Kram, der einem Zuhause schnell nur noch nervt. Der kleine weiße Stein sollte eigentlich ein Störer sein in meinem gewohnten Alltag und mich rausreißen. Aber natürlich habe ich mich längst auch an ihn gewöhnt und ein Störer, an dem man sich gewöhnt hat, stört nix mehr. Auch der Link zu dem Moment vor einem Jahr funktioniert nicht mehr, da das Erinnern die Erinnerung längst verfremdet hat.

Ein Moment, der vorbei ist, hat keine Offenheit mehr, ist statisch, ist tot. Ein Fossil, ein versteinerter Moment. Anstatt sich immer wieder an vergangene Momente erinnern zu wollen, sie festhalten zu wollen mit Souvenirs und Selfies, sollte man besser so viele neue besondere Momente wie möglich herstellen – mehr als diese Momente haben wir ja alle nicht. Daher verabschiede ich mich hiermit. Ich werden nun das Textdokument schließen und dann beginnen, den nächsten Urlaub zu planen. Den kleinen weißen Stein lege ich in ein Glas im Regal zu den anderen verstaubten Erinnerungen.

xxx

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