6. Ostmomente

Ich

Es war eigentlich ein ganz normaler Supermarkt. Ein Rewe vielleicht. Das heißt: Das Sortiment war für mich normal. Das Gebäude sah eher nach einer alten Lagerhalle aus. Die Decke war sehr hoch und mit grellen Neonröhren beleuchtet, die Regale mit ihren bunten Produkten konnten den großen grauen Raum nicht ausreichend einnehme. Das alles passte nicht richtig zusammen. So war das wahrscheinlich noch oft – Mitte der 90er in Ostdeutschland.

Sonderlich gut beurteilen kann ich das allerdings nicht. Ich bin ja aus dem Westen. Die Wende war für mich als Zehnjähriger nicht mehr als ein Medienereignis, vergleichbar vielleicht mit einer Fußballweltmeisterschaft: 1990 hatte man uns im Urlaub sowohl zum Titel als auch zur Wiedervereinigung gratuliert – das musste also so etwas Ähnliches sein. Und diese Gratulation eines wildfremden Mannes 1990 auf Malta war vielleicht auch schon die handfesteste Auswirkung der historischen Ereignisse auf mein damaliges Leben.

1992 war ich dann mit meinen Eltern zum ersten Mal in Ostdeutschland, drei Wochen lang Sommerurlaub an der Ostsee. Es war ziemlich grau und alles ein bisschen anders – aber das fand ich nicht weiter überraschend: Sonst hatten wir unsere Urlaube immer im Ausland verbracht, da war auch alles ein bisschen anders. Italien und Frankreich waren vor 30 Jahren auch noch ordentlich grau. Einige Land- und Ortschaften, die ich im Osten zu sehen bekam, wirkte auf eine schwer zu fassende Art ursprünglich, daran erinnere ich mich noch. Sonst war ich – wie die meisten Teenager – eher mit mir selbst beschäftigt.

Mehr Eindruck als dieser erste Aufenthalt in Ostdeutschland haben auf mich dann die Fernsehbilder aus Rostock Lichtenhagen gemacht, die wenige Wochen nach unserem Urlaub ständig in allen Nachrichten auftauchten. Diese Bilder fand ich wirklich verstörend: Eine ganze Gesellschaft schien da rund um den riesigen Plattenbau „Sonnenblumenhaus“ auf den Beinen zu sein und tagelang zu randalieren, Menschen zu bedrohen oder einfach nur zu gaffen. Eine deutlich erkennbar ostdeutsche Gesellschaft.

Wie viele Bilder und Vorurteile ich von diesen heute als „programartig“ bezeichneten Ereignisse im Hinterkopf hatte, als ich im Winter 1994 in dem ostdeutschen Supermarkt stand, weiß ich nicht mehr. Ich war 15 da hatte ich natürlich viele andere Sachen im Kopf. Aber dann kam ein Moment, an den ich mich noch sehr gut erinnere. Er bahnte sich langsam an mit dem Gefühl, aufzufallen, beobachtet zu werden. Ich habe erst versucht, das zu ignorieren. Dann aber, irgendwo bei den Kühltruhen, wo man einen guten Rundumblick hatte, wurde es so offensichtlich, dass ich zu meinen Eltern sagte: „Die starren uns alle an.“ Ich verstand das nicht: Wir waren eine stinknormale deutsche Kleinfamilie, was gab es da zu gucken? Klar, wir waren eine westdeutsche Kleinfamilie in einem ostdeutschen Supermarkt – aber die DDR war doch schon volle fünf Jahre verschwunden, da musste man doch mal langsam drüber weg sein, dachte ich wohl. Und trotzdem wurden wir offensichtlich als Fremdkörper wahrgenommen. Mir fehlt eine Erklärung dafür oder besser die Erfahrungen, mir fehlte die erlebte Geschichte. „Die Wende“ und die tiefgreifenden Veränderungen danach – das war einfach keine Geschichte, in der ich vorkam.

In diesem Moment fühlte ich zum ersten Mal als Westdeutscher. Und ich verstand nicht mal, wie das passieren konnte.

Du

Hast Du so etwas auch erlebt? Hast Du als Kind oder Teenager in den Jahren nach der Wiedervereinigung mal im Westen Urlaub gemacht und bist dort aufgefallen? Oder bist Du mit Deinen Eltern sogar ganz nach Westdeutschland gezogen, weil es in Deiner Region irgendwann keine Jobs und auch keine Chancen mehr gab? Kannst Du Dich an den Moment erinnern, an dem Du zum ersten Mal als Ostdeutsche gefühlt hast? Vielleicht auch in einem Supermarkt mit Deinen Eltern – oder schlimmer: In Deiner neuen Schule im Westen?

Gab es da zum Beispiel Ossi-Witze, die Dich geärgert haben? Gab es Situationen, in denen Du Darstellungen über Ostdeutschland geraderücken musstest, weil Du sie einfach nicht hinnehmen konntest? Und hast Du Dich manchmal etwas fremd gefühlt im Westen – ein wenig wie eine Migrantin? Hast Du vielleicht sogar handfeste Ausgrenzungserfahrungen gemacht? Nach der Wiedervereinigung mussten sich wahrscheinlich einige Ostdeutsche im Westen mit ähnlichen Vorbehalten rumschlagen, wie Migrantinnen und Migranten es bis heute müssen: Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg, wir müssen die durchfüttern, die sind alle undankbar – etwas auf der Ebene. Und nach den Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen war es für einige Ostdeutsche im Westen vielleicht ähnlich wie für muslimische Migranten nach einem Terroranschlag: Viele Vorurteile, viel Ablehnung, alle stehen unter Generalverdacht. Eine weitere Erfahrung, die Du mit Migranten teilen magst, könnte das Gefühl von Heimatverlust sein, das sich aus den extremen Umbrüchen dort und Eurem Wegzug und dem Wegzug von Verwandten, Freunden und Bekannten ergeben haben mag.

So richtig vorstellen und nachempfinden kann ich das alles nicht. Aber ich denke, dass solche Erfahrungen ziemlich verwirrend und auch verletzend sein müssen.

Wir

Heute stehe ich wieder im Supermarkt. Dieses Mal ein Edeka, dieses Mal in einem ganz normalen Supermarkt-Gebäude – aber auch dieses Mal in Ostdeutschland. Zumindest auf dem Gebiet der ehemaligen DDR: Was die Durchmischung angeht, sind weite Teile Potsdams heute eher neutrales Terrain als eindeutiges Ostdeutschland, ähnlich wie Prenzlauer Berg oder Friedrichshain in Ostberlin.

Bist Du zufällig auch hier? Bist Du vielleicht die Frau mit den blonden Haaren und den beiden Kindern vor mir an der Kasse? Wie siehst Du das alles heute? Ärgerst Du Dich vielleicht darüber, dass im Osten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer weniger verdient wird und dass es auf Deiner Arbeit nur westdeutsche Chefs gibt? Dass Ostdeutsche so gut wie überall unterrepräsentiert sind? Aber vielleicht magst Du auch gar nicht darüber reden. Oder zumindest nicht mit mir. Möglichweise waren Deine Erlebnisse zu verletzend oder aber es gab gar keine solche Erlebnisse und Dir ist das Thema schlicht egal – was ja gut wäre. Vielleicht findest Du es sogar befremdlich, dass ich Dich danach frage. Wenn man sich mit Unterschieden beschäftigt, reproduziert und verstärkt man sie auch immer, entgegnest Du mir vielleicht.

Dann würde ich Dir erklären, warum mich das alles beschäftigt: Ich lebe jetzt hier in Ostdeutschland. Meine Kinder sind hier geboren und wachsen hier auf. Das hätte ich nach den Fernsehbildern aus Rostock vor einem Vierteljahrhundert wahrscheinlich nicht für möglich gehalten. Und auch als ich schon einige Jahre in Berlin studiert hatte, waren meine Vorbehalte gegen das mich umgebende Ostdeutschland noch immer groß.

Vor ungefähr zehn Jahren schien sich dann für mich alles deutlich entspannt zu haben. Da war ich wieder an dem Punkt, zu denken, dass man langsam über die trennenden Erfahrungen hinweg sein könnte. Mir schien damals eine Herkunft aus Ostdeutschland nicht viel mehr zu bedeuten als meine Herkunft aus dem Ruhgebiet: Man stammte halt aus einer wirtschaftlich schwachen Region, die vielleicht in anderen Regionen ein wenig belächelt wurde, aber man war trotzdem stolz drauf und irgendwie war das auch ziemlich egal. Damals sind wir nach Potsdam gezogen – und hatten sogar ein bisschen überlegt, in Brandenburg in eine der schönen alten Kleinstädte zu ziehen.

In Ostdeutschland in eine Kleinstadt oder aufs Land ziehen würde ich heute nicht mehr ohne Bedenken. Heute fährt die AfD hier ihre höchsten Wahlergebnisse ein. Heute marschieren Pegida Montag für Montag und verleumden die Bedeutung der Montagsdemonstrationen in der DDR, indem sie sich darauf beziehen. Und heute gibt es wieder fremdenfeindliche Ausschreitungen insbesondere in Sachsen, die für mich in der eigentlich symphytischen Stadt Chemnitz ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden haben. Die Situation ist natürlich nicht vergleichbar mit der in den 90ern. Aber das Gefühl bei mir ist schon ein bisschen ähnlich.

Und ich denke, dass viel Ost-West-Konflikt hinter dem steckt, was sich heute in Ostdeutschland als Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus entlädt. Dass sich diese Entladungen unter anderem gegen das fehlende Verständnis und die Vorbehalte und Vorurteile der Westdeutschen gegenüber der Gesellschaft im Osten richten. Und gegen die Erwartung, dass die Ostdeutschen doch endlich mal über alles hinweg sein und sich unauffällig eingliedern sollten. Und dass sich diese Entladungen damit um einen weiteren Aspekt auch gegen mich selbst richten.

Beschäftigt Dich die Entwicklung in Ostdeutschland auch manchmal? Klar, mit der DDR verbinden Dich nur noch dunkele Kindheitserinnerungen – aber ich glaube, es geht hier weniger um DDR-Erfahrungen vor der Wende, sondern viel mehr um ostdeutsche Erfahrungen im wiedervereinigten Deutschland. Viele dieser Erfahrungen mögen inzwischen 20 Jahre und älter sein. Aber wenn ich mir anschaue, was da in den vergangenen Jahren im Osten ausgebrochen und an die Oberfläche gekommen ist, dann denke ich, dass es einfach Zeit braucht, bis bestimmte Verletzungen sichtbar werden. Vielleicht wieder ähnlich wie bei Migranten, die teilweise erst nach mehreren Generationen in Deutschland ihre Konflikte und ihren Unmut artikulieren. Islamismus ist hier eine der Ausdrucksformen.

Heute ist so gut wie nichts mehr grau in Ostdeutschland, es ist richtig schön hier. Die Städte und Dörfer sind schöner als in Westdeutschland, finde ich. Natürlich liegt das an ihrer umfassenden Sanierung – aber manchmal meine ich noch ein bisschen von der Ursprünglichkeit wahrzunehmen, die ich bei meinem ersten Aufenthalt in Ostdeutschland gespürt hatte. Ich war inzwischen schon viel unterwegs hier. Ich war sogar mal zwei Tage in Eisenhüttenstadt – was bestimmt die wenigsten Ostdeutschen von sich behaupten können. Ich habe viele Menschen hier kennengelernt, viele netten Menschen. Und außerdem bin ich halt nun zuhause in Ostdeutschland. Ich fühle mich hier nicht als Westdeutscher. Oder sagen wir: selten. Aber ich merke, dass insbesondere ältere Menschen meine Herkunft durchaus zur Kenntnis nehmen. Und dass es Codes gibt, die ich nicht verstehe und Rituale, die ich nicht kenne und die mich irritieren. Heute nehme ich den Osten schon ein gutes Stück weit als eigenständigen Kulturraum wahr. Als gespaltenen, nach Orientierung und Identität suchenden Kulturraum.

Du siehst: Es gibt viele Aspekte, über die man nachdenken kann, viele Fragezeichen auch und überall viele Verbindungen zu meinem Leben. Deswegen möchte ich Dir all diese Fragen stellen. Und nun drehst Du Dich tatsächlich zu mir um. Du streichst Deine blond gefärbten Haare nach hinten und schaust mich einen Moment lang mit dunklen Augen an. Dann beugst Du Dich leicht vor, schaust an mir vorbei und rufst laut etwas auf Arabisch zu einem Mann am anderen Ende der Kassenschlange. Alle um uns herum schauen zu Dir herüber.

xxx

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