7. Die Nächte in Tokio

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Du nachts einfach geschlafen hättest. Wie viele Nächte bist Du durch die riesige Stadt gestreift? Drei oder vier oder fünf? Es ist so lange her inzwischen.

Nachts sind die Gedanken anders. Und die Entscheidungen auch. Ja, Du konntest nicht gut schlafen; Aber das lag nicht nur am Jetlag. Nachts war es einfach intimer, Du wolltest nicht schlafen, Du wolltest der Stadt so nah sein wie irgendwie möglich. Das hat Dich Nacht für Nacht durch die bunt glitzernde Stadt getrieben. Du warst ruhelos – aber wohl auch glücklich. Das ist jetzt fast 40 Jahre her. Und ich bin mir heute sicherer als je zuvor: Du warst glücklich, wie in Deinem ganzen Leben nicht.

Tokio hatte Dich sofort begeistert. Und der Job wäre sicherlich auch interessant geworden. Wenn es nur die Stadt und der Job gewesen wären – Du wärst sicher dortgeblieben. Aber da war noch Katja. Und Jola. Du musstest nachdenken, klar. Aber vielleicht hättest Du einfach tagsüber nachdenken sollen.

Die grellen Werbelichter, die riesigen Häuser, die Endlosigkeit der Stadt. Und der ruhig fließende Sumida mittendurch. Es waren so intensive Momente. Und mehr als solche Momente hat ein Mensch ja nicht, auf mehr kann niemand hoffen.

Ob das so bleiben würde, hast Du Dich damals oft gefragt. Ob das immer so bleiben würde. Kann man das, was man hat, so gut finden, wie das, was man haben will? Schafft man es, das durchzuhalten?

Es war jedenfalls Deine Chance auf einen Neuanfang. Überhaupt: Auf Veränderung. Mit einer Unterschrift wäre alles anders gewesen. Alles, Dein ganzes Leben. So eine Chance, und das mit Ende Vierzig.

Am Shibuya Crossing warst Du sehr oft. Immer wieder bist Du durch die Menschenmassen in alle Richtungen über die Zebrastreifen gelaufen, dann bist Du umgekehrt, und direkt wieder zurückgelaufen. Wie ein Kind.

Es war nicht nur die Anonymität. Es war auch die Unverbindlichkeit. Du warst hier so herrlich weit weg von allem, was Bedeutung hatte. Du warst einfach frei. Aber Bedeutung und Verbindlichkeit würden sich schnell einstellen, wenn Du hier leben würdest.

Den Vertrag hattest Du die ganze Zeit immer in Deiner Umhängetasche bei Dir. Es wäre so einfach gewesen. Es fehlte ja wirklich nur Deine Unterschrift. Die Grafik-Abteilung in der neuen Niederlassung aufbauen – spannend wäre das allemal geworden. Und Katja würde das Angebot annehmen, das war klar. Katja würde in der Stadt bleiben. Und Jola mit ihr.

Das grelle Neonlicht, ständig strahlt alles in anderen Farben. In diesen Straßen warst Du am liebsten. Und am glitzernden Sumida. Endlich eine Stadt, die auch nachts Spaß machte. Die im Dunkeln sogar schöner war.

Für Jola war der Schritt sicherlich am krassesten. Mit achtzehn will man anknüpfen und aufbauen, nicht hinter sich lassen. Die Wohnung, die uns angeboten wurde, war winzig, aber in Ordnung. Drei kleine Zimmer und Wohnküche. Und alles mittendrin in dieser Stadt, sogar mit einem ganz schönen Ausblick. Es wäre ein bisschen wie eine WG geworden mit Katja und Jola. Mit einer Mutter und ihre Tochter. Ja, es wäre kompliziert geworden mit Katja und Jola. Mit einer Mutter und ihre Tochter. Zeit kann noch mehr trennen als Raum.

Jetzt. mit fast 90, denke oft an diese Nächte in Tokio im Sommer 2021. Meist wenn ich nachts wach liege – so wie jetzt.

Der Moment jetzt ist vollständig schwarz. Eigentlich gibt es ihn gar nicht. Er ist unsichtbar, ist nur Projektionsfläche wie eine Kinoleinwand während einer Filmaufführung. Der Moment jetzt gerade wird vollständig überlagert von den glitzernden Momenten in Tokio vor 40 Jahren.

Wie es wohl geworden wäre? Ob ich jetzt irgendwo in Japan sitzen würde? Wie und wo und mit wem? Wie alt ist Jola heute? Wo sie wohl ist? Stattdessen bin ich nun hier allein in meiner alten unsichtbaren Nacht. Du warst damals unterwegs in einer fremden Nacht. Nicht allein, nie allein, es waren ja überall Menschen. Aber Bedeutung und Verbindlichkeit gab es nicht. Und genau das hat Dir gefallen. Nur so hat es funktionieren. Auf Dauer konnte das nicht klappen, da warst Du Dir irgendwann sicher.

Und so fiel Deine Entscheidung in der letzten dieser seltsamen Nächte. Die Schnipsel des Vertrags hast Du von der Brücke in den schwarz funkelnden Sumida rieseln lassen. Dann bist Du mit einem schwarzen Taxi zum Flughafen gefahren. Tokyo und Katja und Jola hast Du nie wieder gesehen.

xxx

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