8. Moment des Erwachens

„Verboten für alle Mädchen“. Das hing schon lange da an der Tür. Aber erst jetzt nahm Linda es richtig wahr. Die krakeligen Buchstaben richteten sich natürlich gegen Pauls kleine Schwester und ihre Freundinnen; Aber schon bald würde sich da etwas verändern. Aus Ablehnung würde Necken werden. Und aus Desinteresse Interesse. Und darauf musste Paul vorbereitet werden. Linda neigte sich an die Tür und lauschte: Fetzen eines Hörspiels waren zu hören, erst ein Lachen, dann ein Schreien, alles durchdrungen von dem Fauchen der Legosteine, die ungeduldig durchwühlt wurden. Noch war das ein Kinderzimmer. Noch.

Einen Moment brauchte sie noch, bis sie bereit war, redete sich Linda ein und setzte sich auf die Fensterbank gegenüber der Tür. Vorsichtig nippte sie an ihrem Kaffee; Sie durfte nicht zu schnell trinken, denn es würde gleich hilfreich sein, sich an etwas festhalten zu können. Sie schaute aus dem Fenster: Erste Triebe leuchteten in der Kastanie und auf der Fensterbank versuchte eine Biene, mit ihrem ganz neuen Leben klarzukommen.

Warum sich wohl so viele Menschen an ihr Aufklärungsgespräch erinnerten aber kaum jemand an den Moment, als ihnen die eigene Sterblichkeit bewusst gemacht wurde, ging Linda durch den Kopf. Vielleicht redeten die Menschen aber auch einfach nur nicht über diese Erinnerung, übers Sterben redete man ja eh nicht. Sexualaufklärung hingegen wurde als lustiges Gesprächsthema empfunden – obwohl Linda in diesem Moment kein Bisschen lustig zumute war.

Wie Paul wohl reagieren mochte? Würde er drüber lachen oder würde ihm das alles einfach nur peinlich sein? Aber der Reihe nach: Erstmal würde Linda klopfen und dann im Zimmer das Hörspiel ausschalten. Damit würde sie Pauls Aufmerksamkeit haben, sich aber auch mit seinem Unmut arrangieren müssen. Linda würde sich dann auf den Schreibtischstuhl setzen – es sei denn, Paul spielte in der Ecke neben dem Bett, dann würde sie sich natürlich zu ihm aufs Bett setzen. Und dann müsste sie loslegen: „Paul, Du weißt doch, dass Tante Hanna bald ein Kind bekommt. Sie hat schon einen ganz dicken Bauch, hast Du ja am Wochenende gesehen. Weißt Du eigentlich, wie das Baby in Johannas Bauch gekommen ist?“

Vielleicht hätte sich Linda doch einen dieser Elternratgeber oder ein von Fachpädagogen gestaltetes Bilderbuch aus der Bibliothek leihen sollen. Dann wäre das bevorstehende Gespräch wahrscheinlich leichter geworden; Aber Linda war es nicht richtig vorgekommen, sich hinter solchen Hilfsmitteln zu verstecken. Wenn irgendetwas klassische Elternaufgabe war, dann die Aufklärung des eigenen Kindes. Ein solches Gespräch war ja etwas sehr Intimes, das sensibel auf die Situation und vor alle auf das Kind abzustimmen war.
Außerdem ging es in dem Gespräch ja noch um so viel mehr als um Fortpflanzung: Im Grunde musste dem Kind bewusst gemacht werden, was es eigentlich war. Nicht nur eine eigenständige Existenz nämlich, sondern auch ein Glied in einer Kette, in der es hauptsächlich darum ging, Informationen weiterzugeben. Informationen zu retten.

Linda trank einen viel zu großen Schluck Kaffee. Vielleicht würde sie die Tasse noch einmal auffüllen müssen, bevor sie es da rein schafften konnte. Sie ließ sich die zurechtgelegten Worte und Sätze noch einmal durch den Kopf gehen. Aber sie erschienen ihr alle nicht mehr angemessen. Sie drehten sich zu viel um die technische Umsetzung und zu wenig um das große Ganze. An dieser Stelle musste doch auch irgendwie vermittelt werden, was die Menschheit eigentlich war. Nämlich nicht nur etwas Horizontales aus Paul und ihr und Papa und Tobi und Frederik von nebenan und den Kindern in der Schule; sondern auch etwas Vertikales aus Uroma Greta, die Paul nur von Fotos kannte und aus den eigenen Kindern und den eigenen Enkeln und den eigenen Urenkeln und den vielen weiteren Menschen, die es alle noch gar nicht gab. Aber wie um Himmelswillen konnte sie das alles rüberbringen? „Paul, die Menschheit ist übrigens nicht nur etwas Horizontales, sondern auch etwas Vertikales.“ Linda schaffte es, zu grinsen.

Vielleicht sollte sie sich an dieser Stelle doch besser auf das Technische beschränken. Alles Weitere würde wohl später eh von alleine kommen. Die Erkenntnis etwa, dass man nicht nur ein Mensch unter knapp acht Milliarden Menschen auf der Welt war, sondern ein Mensch unter den Billionen, die schon gelebt hatten und noch leben würden. Und dass man selbst nicht mehr als ein winzig winzig kleines Bindeglied zwischen diesen beiden Teilen der Menschheit ist, die von der Gegenwart auf ewig getrennt wurden; eine Datenleitung durch die Zeit gewissermaßen.

Linda zuckte zusammen, als eine Ladung Legosteine von innen gegen die Tür krachte. Wahrscheinlich war Paul wütend, weil irgendwas nicht so klappte, wie er es sich vorgestellt hatte. Fast wäre Linda schimpfend in das Zimmer geplatzt – aber dann wäre die Atmosphäre für das anstehende Gespräch endgültig verdorben gewesen. So leicht wollte Linda es sich nicht machen, sich vor dem notwendigen Gespräch zudrücken, also blieb sie vorerst ruhig auf der Fensterbank sitzen.
Dass Paul da drin jetzt gerade mit Lego spielte, hing vielleicht damit zusammen, dass sie selbst als Kind gerne mit Legosteinen gebaut hatte. Und ihr Vater auch schon, wusste sie. Bei ihren Großeltern hatte es sicher noch kein Lego gegeben. Mit was hatten die wohl gespielt? Mit Puppen und so etwas wie Holzschwertern wahrscheinlich. Und ihre Urgroßeltern wahrscheinlich auch. Was wusste sie eigentlich von denen? Die Namen der Eltern von Oma Martha bekam sie noch zusammen, Greta und Franz. Und sie kannte auch ungefähr die Regionen, in denen sie gelebt hatte. Franz hatte in einem Krankenhaus gearbeitet und war als Soldat im Krieg gewesen, fiel Linda noch ein. Ob es irgendeinen Gegenstand aus ihrem Besitz bis in diese Wohnung und damit in ihr Leben geschafft hatte, fiel ihr hingegen nicht ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit also nicht. Am ehesten noch etwas in der Küche, eine alte Kanne oder Tasse oder so etwas vielleicht. Und bei ihren Ururgroßeltern hörte es dann ganz auf. Noch nicht einmal einen einzigen Namen dieser sechzehn mit ihr direkt verwandten Menschen fiel ihr ein.

War das der Horizont eines normalen Menschenlebens? Die Urenkel konnten sich noch grob an ein paar Eckdaten erinnern, danach war alles für immer ausgelöscht?
Bis auf die genetischen Informationen natürlich. Um deren Weitergabe sollte es ja eigentlich heute auch gehen und Linda wollte sich nun wieder ganz darauf konzentrieren, wie sie den Akt Paul am besten erklären konnte. Aber ein anderer Gedanke faszinierte und beunruhigte sie zu sehr: Es gab also zwei Vererbungssysteme. Ein genetisches und ein kulturelles. Das genetische war offenbar effektiver, das kulturelle schaffte es nur lächerliche drei Generationen weit. Aber vielleicht stimmte das so gar nicht, vielleicht waren die kulturellen Informationen von Lindas Ururgroßeltern genauso präsent wie deren Erbgut; Vielleicht teilte sie etwa einige ihrer Werte und Ansichten oder ihren Geschmack. Aber vielleicht wurden sowohl die kulturellen als auch die genetischen Informationen so sehr mit der Informationsflut von der vielen weiteren Menschen vermischt, dass sie nicht mehr direkt mit einem einzelnen Menschen in Verbindung gebracht werden konnten. Was bedeutete: Nach nur rund drei Generationen war ein Mensch endgültig vergessen und verloren – mag da auch noch so schön verschnörkelt „Für immer in unseren Herzen“ auf seinem Grabstein stehen.

Lindas musste schlucken, sie hatte plötzlich einen ganz trockenen Mund; leider war längst kein Kaffee mehr in der Tasse. Wie sinnlos und vergeblich das doch alles war. Ihr Herz raste jetzt, was Linda auf den Kaffee schob. Ob sie wohl der einzige Mensch auf der Welt war, der bei dem Gedanken an die Aufklärung des eigenen Kindes eine existenzielle Krise bekam? So konnte sie jedenfalls unmöglich dieses wichtige Gespräch mit Paul führen. „Verboten für alle Mädchen“: Es war sicherlich eh besser, wenn Vater und Sohn das Gespräch unter sich führten, überlegte Linda. Dann ging sie ins Wohnzimmer und ließ sich erschöpft auf die Couch fallen.

xxx

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