9. Im Einkaufszentrum

Ein Glück, die Bank unter dem Baum ist frei. Dabei steht sie doch so schön in der Sonne und es ist ja viel los gerade in dem kleinen Einkaufszentrum. Endlich sitzen. Früher war die Bank meist besetzt und früher war sie auch nicht aus Metall, sondern aus Holz und sie war auch nicht so schön um den Baum herumgebaut. Ist besser jetzt. Es ist gut hier. Ich bin weit gelaufen durch den Bezirk – und meine Knie tun schon weh, seit ich meinen Rollator aus dem Bus gehoben habe. Aber jetzt sitze ich, der Moment ist gut. Ich sitze, es ist warm und ich kann alles beobachten.

Zwei Kinder spielen an der Treppe rauf zur Bahnstation, sie rufen sich etwas zu in einer anderen Sprache, was ist das für eine Sprache? Die Treppe ist kleiner geworden, alles hier ist deutlich kleiner geworden. Dort oben auf dem Treppenabsatz stand ich – wann war das? – und habe gewartet – auf wen? – und habe mir alles zum ersten Mal ansehen. Da war das noch größer hier. Die Bäume sind ja auch wirklich größer geworden, das wirkt alles ganz anders jetzt. Auch der Baum hinter meiner Bank, die Äste ragen schon rüber zur Apotheke. Apotheke? Da war doch früher das Eiscafé. Und die Passage dort neben dem Supermarkt haben sie geschlossen, das lässt das alles auch enger wirken. Da entlang ist Anna meist gekommen vom Parkplatz. Mit Anna war ich meistens hier und mit Tina, ich war nicht oft hier aber immer gerne. Es war eine gute Zeit damals, als wir uns immer getroffen haben hier.

Ah, da läuft Tina ja, nicht jetzt natürlich, da, wir gehen gerade zusammen in die Pizzeria. Dort werden wir gleich Hannes treffen, das war ein lustiger Tag, da haben wir noch lange von erzählt. Später kamen noch die Jungs von Hannes dazu, dann sind da rüber gegangen in den Park, das war was! Es war ein heißer Tag, wir sind alle in Unterwäsche in einen Brunnen gestiegen – ob es den wohl noch gibt? Ob es den je gab? Überall die Erinnerungen hier und schlimmer noch, die Anekdoten. Wahrscheinlich, weil ich lange nicht hier war.

Auf jeden Fall ist es gut, mal wieder hier zu sein. Ich kenne das alles noch, es ist angenehm vertraut. Und ich kenne es nicht mehr, es gibt so viel zu entdecken. Es macht viel mit der Wahrnehmung und auch mit der Empfindung, wie oft und in welcher Zeit man an irgendwo war.

Um einen Ort einigermaßen zu kennen, muss ich wenigstens zweimal dort gewesen sein, das ist mir schon oft aufgefallen. Zweimal mindestens, dann erst stellt sich die Vertrautheit ein, die eine ausreichend genauer Wahrnehmung aller Details möglich macht. Aber gleichzeitig beginnt dann die Überlagerung der Wahrnehmung mit der Erinnerung. Und wenn man ganz oft in kurzer Zeit irgendwo ist, wird aus den Überlagerungen eine Gewohntheit, ja nicht Gewohnheit, sondern Gewohntheit – das Wort gibt es gar nicht, warum bloß nicht? Es ist ein wichtiges Wort, das in der Sprache fehlt: Ich meine Gewohntheit, man ist etwas so gewohnt, dass man es kaum noch wahrnimmt. Das kann sehr praktisch sein, man kann quasi mit geschlossenen Augen alles machen dann, aber es ist auch langweilig, die Momente vermischen sich und sind damit weg, man erlebt gar nicht mehr richtig. So ist das bei mir Zuhause. Ich wohne seit 40 Jahren in dem Haus, da ist alles so gewohnt, dass ich nichts mehr sehe und höre. Aber hier ist es anders. Einfach, weil ich Erinnerungen haben, aber lange nicht hier war. Hier sehe ich alles, sogar über die Zeit hinweg. Die Momente überlagern sich, das schon. Sie bleiben aber unterscheidbar, mischen sich nicht. Und das ist entscheidend.

Anna ist seit Jahren tot und von Tina habe ich ewig nichts mehr gehört und ich werde sicherlich auch nichts mehr von Tina hören. Von Hannes natürlich auch nicht, wahrscheinlich ist er auch längst verstorben. Ich stehe auf und schiebe den Rollator zum Bäcker, da war früher der Metzger mit drin. Als Kind habe ich da Fleischwurststücke bekommen, einmal ist mir eins runtergefallen, das hat sich dann ein kleiner Hund geholt, der hat sich total gefreut und mit dem Schwanz gewedelt und ist an mir hochgesprungen, das war ein guter Moment damals.

Und der jetzt ja auch. 

xxx

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