10. Nur für den Moment

Die Wahrnehmung veränderte sich, als ich aus dem Fahrstuhl trat. Genau genommen noch einen kurzen Augenblick später: Als ich aus dem kleinen Vorraum durch die schwere Glastür auf die Plattform trat und der Wind mich erfassen und die Höhe ihre volle Wirkung zeigen konnte. Der Weg zum Turm und auch die Fahrstuhlfahrt hinauf erschienen noch ziemlich normal und gewohnt, ich war ja schon oft hier oben gewesen. Klar war ich dieses Mal aufgeregt – aber der Gedanke, dass ich gleich aus 100 Meter senkrecht in die Tiefe springen würde, war da noch nicht glaubwürdig. Jetzt war er glaubwürdig. Jetzt war der Gedanke der einzige, den ich noch hatte. Und selbst das nur die ersten Schritte den Steg entlang auf den Abgrund zu, dann war auch der Gedanke weg. Dann gab es nur noch das kalte Geländer, dann der scharfkantige Metallboden, immer wieder die Windböen aus allen Richtungen, dann die Gurte und Polster und Schnallen und Haken und dann das lange hellblaue Seil, ordentlich aufgerollt und seltsam ummantelt und dann ein ganz kurzer Gedanke: Das Seil sieht so leicht aus, eher wie ein Schlauch, dann war auch dieser Gedanke weg. Wenn mich jetzt jemand gefragt hätte, wo ich wohne, ich hätte überlegen müssen; Die Frage wäre viel zu abwegig gewesen: Ich wohne doch nicht, ich stehe doch hier, nur das zählt. Dann der Blick in die Augen des Mannes, dessen Namen ich mir natürlich nicht merken konnte, ein fragendes Nicken von ihm, ein antwortendes Nicken von mir. Wie ein Abschied. Und dann war ich allein, obwohl der Mann noch direkt neben mir stand. Wie macht man diesen nächsten Schritt, kurzes Überlegen, noch kürzere Panik. Dann ließ ich mich hinein sinken in den längsten Moment meines Lebens.

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