11. Jetzt oder nie

An dem sonnigen Moment im Mai war es, als ob ich in Dunkelheit versinken würde. In feuchter, stickiger Dunkelheit. Ich konnte ja nicht wissen, dass es Helligkeit war, die mir bevorstand.

Die ganze Praxis war sonnendurchflutet, auch das Sprechzimmer. Trotzdem war das Arztgespräch natürlich blanker Horror. Der Arzt versuchte, es mir schonend beizubringen – so, wie er es vor Jahren mal im Studium oder in irgendeiner Fortbildung gelernt hatte. Aber man merkte ihm an, dass er eigentlich weder Zeit noch Nerven dafür hatte. Immer wieder klingelte das Telefon oder Schwestern kamen rein, weil irgendwas ganz dringend unterschrieben werden musste. Das Gespräch dauerte nur um die zwanzig Minuten – zwanzig Minuten, die mein bisheriges Leben zerschlugen und mich ganz weit wegschleuderten. In die Dunkelheit hinein und auch auf ein anderes Level hinauf, in einen anderen Zustand, auf eine andere Bewusstseinsebene. Von dem Moment an war es den Rest meines Lebens so, als wäre ich andauernd auf Droge.

Nach dem Arztgespräch bin ich dann erstmal ewig durch den angrenzenden Stadtpark gelaufen. Immer weiter kreuz und quer, an jeder Gabelung in den Weg, in dem die wenigsten Menschen zu sehen waren. Ich werde also sterben. Damit musste ich nun klarkommen. Ich werde sterben. Gar nicht mal: Ich werde bald sterben, sehr bald sogar, viel früher als all die anderen. Sondern wirklich einfach nur: Ich werde sterben, ich bin sterblich, meine gesamte Existenz ist endlich. Das hatte ich natürlich immer gewusst – bewusst war es mir aber offenbar nicht gewesen. Bis zu diesem Tag war das für mich eine Information wie: Der Weltraum ist unendlich. Klar, weiß ich ja – kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen und überhaupt, was hat das mit mir zu tun? Bis zu diesem sonnigen Tag im Mai erschien mir die Information, dass auch ich eines Tages sterben werde, einfach nicht real. Nun war sie plötzlich sehr real. Viel zu real für meinen Geschmack.

Und auch die Realität von allem anderen um mich herum veränderte sich. Sie wurde präsenter und auch intensiver, fast aufdringlich. Sie war nun nicht länger zu übersehen. Dabei konnte ich nach dem Arztgespräch zunächst kaum etwas wahrnehmen von meiner Umgebung. Es war, als liefe ich in einer dunklen Wolke, die mich vollständig einnebelte. Und als ich wieder etwas wahrnehmen konnte, empfand ich es erstmal als Zumutung: Hey, ich werde sterben – und ich soll mir allen Ernstes an diesem blöden Automaten ein blödes Ticket für diese blöde Straßenbahn kaufen? Aber dann war es plötzlich, als ob ich die ganze Umgebung, die ich sehr gut kannte, zum ersten Mal sehen würde. Als ob ich überhaupt zum ersten Mal Bäume und Pflanzen und Menschen und Straßenbahnen sehen würde. Und die Sonne. Später dann verstand ich, dass die Intensität der Wahrnehmung mit der veränderten Zeitperspektive zusammenhing: Ich hatte keine Zukunft mehr, nur noch Gegenwart. Ich konnte nichts mehr aufschieben, alles musste jetzt erlebt werden. Jetzt oder nie.

Die extreme Intensität der Momente hielt sich natürlich nicht konstant über die anschließenden Wochen und Monate. Ich hatte nun einen neuen Alltag, der aus vielen Arzt- und Krankenhausbesuchen bestand. Aber die Wahrnehmung kam immer wieder durch. Und bemerkenswert ist, dass ich sie schätzen lernte. Mögen nicht unbedingt; Aber durchaus schätzen. Diese Möglichkeit, alles so unglaublich real zu sehen, so zu sehen wie zum allerersten Mal – diese Möglichkeit ließ die mir verbleibende Zeit sehr intensiv werden. So stellte ich mir damals eine bewusstseinserweiternde Droge vor. Ein Stück weit war es tatsächlich, als ob ich mehr Mensch geworden wäre. Menschen unterscheiden sich nicht deswegen wesentlich von allen anderen Lebewesen, weil sie blöde Autos und Handys herstellen können, sondern weil sie sich ihrer Selbst, ihrer Existenz und ganz entscheidend auch ihrer Endlichkeit bewusst sind. Und ich war mir meiner endlichen Existenz nun sehr bewusst.

Schwierig war natürlich der Umgang mit meinen Freunden und Verwandten und Kollegen – mit Menschen, die die Intensität nicht kannten. Die meisten wussten nicht recht, was sie fühlen und denken und vor allem was sie sagen sollten. Einige Beziehungen funktionierten plötzlich gar nicht mehr: Es fehlte schlicht an der notwendigen gemeinsamen Grundlage, da die unterschiedliche Lebenserwartung alles überschattete. Mir erschien es manchmal ein bisschen so, als ob sich ein Millionär mit einem sehr sehr armen Menschen unterhielte: Nicht, dass man die Armut nicht offen thematisierte; Aber alle anderen Themen erschienen dagegen belanglos, sodass man keine anderen Themen finden konnte. Und natürlich bezogen die Leute meine Situation auf sich, Menschen beziehen immer alles auf sich. Und das war ihnen natürlich unangenehm, sie wollten es nicht, sie wollten sich ihre eigene Sterblichkeit nicht bewusst machen – sie wollten meine Intensität nicht haben.

Ich habe den anderen Menschen versucht zu erklären, dass mir meine Diagnose inzwischen gar nicht mehr so furchtbar vorkam. Es hat ja auch objektive Vorteile, sich auf den eigenen Tod vorbereiten zu können und nicht von ihm überrascht zu werden. Und ganz allgemein vom Tod zu wissen, gehört nun mal zum Menschsein dazu – es kommt viel mehr darauf an, so bewusst wie es geht hier und jetzt ein Mensch zu sein. Mehr ist eh nicht drin, ob todkrank oder nicht. Und das gelang mir nun sehr gut. In diesem Zustand, als Mensch, erschien es mir möglich, mich dem Tod zu stellen. Dem Endgegner. Klar, man kann diesen Endgegner nicht bezwingen – aber man kann durchaus emotional mit ihm fertig werden. Das war der Punkt: Man kann mit der eigenen Sterblichkeit klarkommen.

Über das Ende selbst will ich nicht reden. Es war auch ziemlich unspektakulär, ein bisschen wie einschlafen, nur viel heller. Wie schon erwähnt: Es kam dann viel Licht und Helligkeit oder besser noch, Klarheit. Durch die Klarheit kann man alles erkennen und alle Spuren lesen. Man kennt alle Auswirkungen, die es gibt. Alle. Und damit weiß man alles, was es bis zu diesem Zeitpunkt zu wissen gibt. Alles, was war, ist vorhanden und sichtbar – auch meine Existenz als Mensch. Jede einzelne Handlung meines gesamten Lebens, jede einzelne Wahrnehmung und sogar jeder einzelne Denkprozess von mir hat dauerhafte Spuren hinterlassen. Das „Ich“ ist nichts weiter als die Summe der Auswirkungen, die die kognitive Verarbeitung der Welt durch einen Menschen ausgelöst hatten. Kausalität lautet nämlich die große Antwort auf die quälenden Fragen der Menschheit. Radikale Kausalität. Einige kluge Menschen haben sich das schon gedacht, als sie den „Schmetterlingseffekt“ formulierten; Aber richtig zu Ende gedacht hat es niemand. Dabei ist es so einfach: Jeder kleinste elektrische Impuls, der von unserem Willen zwischen den Neuronen eines Gehirns angestoßen wird, hat Auswirkungen. Und diese Auswirkungen haben weitere Auswirkungen. So haben alle physischen Ereignisse – auch die allerkleinsten – einen festen und dauerhaften Platz in den verwobenen und völlig eindeutigen Kausalketten, die man „Welt“ nennt. Es bleibt also alles in der Welt, nichts vergeht. Nichts geht verloren, gar nichts. Alles, was ist, besteht aus allem, was war. Meine gesamte physische Existenz und damit auch meine geistige Existenz sind in ihren Auswirkungen weiterhin vorhanden. Mein Körper selbst ist natürlich nicht mehr vorhanden – aber mal ehrlich: Körper nerven eh meist mit ihren ständigen Bedürfnissen und Krankheiten und den vielen vielen ästhetischen Unzulänglichkeiten. Wichtiger ist, dass es mein Wissen und alle Erinnerungen noch gibt. Auch die Erinnerung an den sonnigen Tag im Mai. Ich bin damals nicht in Dunkelheit versunken, alles ist jetzt hell und klar.

So viel an dieser Stelle. Alles weitere erfahren Sie noch früh genug selbst.

xxx