12. Im letzten Moment

Ein letzter Moment also. Warum eigentlich? Irgendwie habe ich keine rechte Lust mehr, die Grenze zur Fiktionalität zu überschreiten, keine Ahnung. Hier & jetzt: Strand, eine Standhütte aus Treibgut, es ist ziemlich genau 21 Uhr, beste Sonnenuntergangszeit und das Meer liegt perfekt im Westen, allerdings Schleierwolken am ganzen Himmel. Wellenrauschen. Und ich bin unglaublich allein, kein Mensch zu sehen bis zum Horizont. Und das ist gut, alles hier ist echt richtig gut. Ich sitze mit meinem kleinen Notizbuch an einem wackeligen Tisch aus einer alten Palette vor der Hütte und bin bereit. Jetzt kann ich die Grenze überschreiten. In welche Richtung am besten? Bin ich am Strand in Sizilien, bin ich wieder Sarah? Oder bin ich Matthias mit seiner sensiblen Wahrnehmung für die Freiheit des Moments nach der langen Haft? Irgendwie alles nicht, nein. Ich bin ich und ich bin am Strand auf Amrum – mehr hab ich gerade nicht anzubieten. Aber damit verstoße ich gegen die einzige Regel dieses Blogs: Hier geht es ja um Momente, die es niemals gab. Tja. Erstmal einen Schluck aus der Rotweinflasche – vielleicht hilft das ja gegen die viele Realität hier.
 
Aber vielleicht geht es auch anders. Dieser letzte Beitrag könnte auch ein Fazit oder eine Zusammenfassung oder so sein. Eine Executive Summary – immerhin ging es mir bei den Texten hier auch um eine Untersuchung. Eine Untersuchung des Momenthaften von Momenten und ihrer Bedeutung für die Bewertung des eigenen Lebens. Klingt gut, noch ein Schluck Rotwein. Ich freue mich ein bisschen auf den Rückweg: Im Dunkeln den weiten Weg am Strand entlang bis zum Fahrrad. Oder wird das blöd? Groß was schiefgehen kann eigentlich nicht: Richtung Süden durch den Sand bis zum Holzbohlenweg und dabei weder ins Meer noch in die Dünen geraten. Sollte machbar sein. Nochmal Rotwein. Die Hütte ist schon echt cool, ein Künstler hat sie vor ein paar Jahren gebaut, zusammen mit mehreren anderen „Burgen“ auf der ganzen Insel. Eine weitere ist zu sehen, sie steht ein Stück weg in den Dünen. Ich sollte das alles jetzt beschreiben, ich sollte eh viel mehr diesen besonderen Moment hier beschreiben. Aber ich haben keine Lust. Ich habe ein Foto gemacht, das muss reichen. Insgesamt habe ich gerade wenig Lust zu beschreiben – weder etwas Reales (die Möwen sind laut – jetzt nicht mehr, jetzt nur noch das Meeresrauschen) noch etwas Fiktives. Kann man das irgendwie deuten, kann man etwas daraus ableiten? Vielleicht habe ich gerade einfach kein Untersuchungsobjekt, das mich interessiert. Was aber schon interessant ist – vielleicht einfach, weil geradezu aufdringlich dominant: Das Hier und jetzt. Hier und jetzt, das ist tatsächlich einer dieser Momente. Für die es lohnt, die alles rechtfertigen. Und für die dieser Blog bestimmt ist.
 
Aber ist der Moment hier wirklich so stark? Es ist schon gut hier! Aber so stark ist er vielleicht nicht. Dann ist also doch fiktional, was ich eben geschrieben habe. Oder zumindest übertrieben, knapp hinter der Grenze jedenfalls. Vielleicht kann man reale Momente auch gar nicht beschreiben, vielleicht sind Beschreibungen grundsätzlich hinter der Grenze zum Fiktionalen – nur halt mal mehr und mal weniger knapp dahinter. Noch einmal Rotwein: Es ist jedenfalls echt großartig hier. Fast wie in einem Traum. Vielleicht sogar perfekt – ich wüsste jedenfalls nicht, was anders sein sollte hier und jetzt. Kann man Perfektion so definieren? Jedenfalls bin ich mir recht sicher nach all dem Rotwein: Es ist einer dieser Momente, er ist definitiv stark genug. „Verweile doch, du bist so schön“, wieder Rotwein, jetzt auch noch mit Pringles Chips. Ich stehe auf und lasse mich neben der Hütte in den weichen Sand fallen. Wieder der Sand in meinen Händen. Lauter zerriebene Vergangenheit, pulverisiertes Leben. Aber schön, am Meer ist alles schön, selbst das Tote. Ich setze mich auf und lasse den Sand auf meinen Handrücken rieseln: Wäre vielleicht gut, wenn ich tot auch so sein könnte, also meine Bestandteile, die Knochen und so. So sauber und schön. Wäre vielleicht beruhigend, zu wissen, dass es so endet. Aber dann müsste ich am Strand tot sein und lange hier liegen – im Meer selbst würde das nichts.
 
Oh, da ist ein Mensch, ein paar hundert Meter weg bei der anderen Strandhütte. Hoffentlich macht er nicht den Moment kaputt. Er sitzt da vor der anderen Hütte. Okay egal, weiter jetzt hier. Wie weiter? Inzwischen strahlt der Leuchtturm in regelmäßigen Abständen über die Dünen, sehe ich nun, der große alte Leuchtturm, auf dem ich auch schon war. Jetzt plötzlich Licht an der anderen Hütte. Es ist 21:25 Uhr, sehe ich auf meiner Armbanduhr. Die Uhr ist krass, so unglaublich perfekt. Makellos. Und doch nur ein Wegwerfprodukt aus Plastik, pure Vergänglichkeit wie alles um mich herum auch. Aber hey: Vergänglichkeit gehört halt zum Moment dazu. Ich lasse Sand über die Uhr rieseln – einfach, weil es so naheliegend ist. Jetzt gehen die Leute von der anderen Hütte weg, es waren zwei. Es wird langsam etwas kühlt hier, ich mache meinen Pulli zu, setze die Kapuze auf und schreie ein paar Möwen an. Noch immer kein Fazit und nur noch eine viertel Flasche Wein. Immerhin bei den Chips sieht es noch gut aus.
 
Gerade war ich kurz in der Hütte und habe überlegt, ob man dort schlafen kann. Kann man. Soll ich? Es ist warm dort drin, rundherum scheint alles dicht zu sein und der Boden ist aus weichem Sand, dem perfekten Sand hier. Es wäre krass, hier zu schlafen, direkt am Stand, das wäre wirklich mal etwas Besonderes. Aber selbst angetrunken glaube ich mir nicht, dass ich das tun werde. Außerdem würde mir dann der Rückweg am dunklen Strand entgehen, auch etwas Besonderes. Wie lange habe ich noch Licht zum Schreiben? Ist der Moment vorbei, wenn ich ihn nicht mehr festhalten kann, wenn ich ihn nicht mehr mitteilen kann, wenn ich wirklich allein bin? Rotwein auf 10 Prozent. Konzentration jetzt: Es geht darum, einen Abschluss zu finden. Für den Blog, für den Abend, für den Moment. Aber ich finde nichts. Was ich gefunden habe: Einen perfekten Moment, einen echten perfekten Moment. Und mehr als solche Momente haben wir ja alle nicht.

xxx